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Heimat in der Fremde - Schicksalsweg der Deutschen aus Bessarabien

Heimat in der Fremde

Leseprobe:

Der Regen hörte allmählich auf.
"Ich kann nicht mehr!" rief Else.
"Du mußt! Die Tiere haben's schwerer als du, und die schaffen es auch."
In Gummistiefeln schleppte sie sich den halben Berg hinauf. Die Kolonne kam ins Stocken. Manche Pferde verweigerten den Gehorsam und blieben einfach stehen. Die Peitschen knallten weit übers Land.
"Wir legen eine Pause am Berg ein!" befahl der Treckführer. Nach 15 Minuten setzten sie sich erneut in Bewegung, blieben aber immer wieder stecken. Mit Hilfe von Vierergespannen stand endlich der ganze Zug auf der Anhöhe, verdreckt und teilweise mit demolierten Wagen. Wertvolle Stunden waren verlorengegangen. Deshalb fiel die Rast oben kürzer aus als vorgesehen.
Von der Anhöhe blickten sie hinunter auf den Liman Kahul. Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Donauhafen. Die meisten Bauern sahen zum ersten Mal die sich träge dahinschlängelnde Donau weit unten im Tal.
Um die Mittagszeit traf der Treck in der Stadt ein. Sie schien wie ausgestorben. Das pulsierende Leben war gänzlich zum Erliegen gekommen, leere Geschäftshäuser, geschlossene Fensterläden. Das russische Regime machte sich auch hier bemerkbar. Truppen patrouillierten die Straßen entlang. Weiter ging es bis zur Pontonbrücke, die über den Pruth führte.
"Halt!" rief Wieg. Das Kommando wurde weitergegeben.
Der Treck stand still. Am Pruth war die sichtbar neue russisch-rumänische Grenze. Sie mußten noch einmal zittern, denn sie waren zum letzten Mal den Schikanen der Russen ausgesetzt. Alles wurde mit der Transportliste verglichen. Die Grenzkontrolle ging zügig voran. Ein Blick in das Wageninnere, die Frage nach verbotenen Waren, das Vorzeigen des Geldbeutels, der öfter durch Beschlagnahmung des Inhalts erleichtert wurde. Trotzdem gelang es manchen Teplitzern zu schmuggeln.
Vor Schaals Wagen fuhr der Lederfabrikant Johannes Schuh. Ein Zollbeamter winkte ihn auf die Seite. "Stoi! (Bleib stehen!) Säcke und Koffer abladen!"
Der Teplitzer wurde blaß.
"Schneller!"
Familie Schuh lud ab. Die Gepäckstücke wurden geöffnet. Zu zweit durchschnüffelten die Russen Wäsche, Stoffe, Decken und vieles mehr. Alles durchwühlten sie. Schmalz- und Bastkörbe, voll mit Nahrungsmitteln, standen herum. Schließlich entdeckten sie in einem Gepäckstück 11.500 Lei.
"Was ist das?" herrschte der eine Zollbeamte Schuh an und hielt ihm das Geldbündel unter die Nase.
Nun wurden die Schmalztöpfe mit einem Eisenstab durchstochen. Tatsächlich wurde der andere fündig. Eine größere Menge Bruchgold kam zum Vorschein.
"Weißt du nicht, was du mitnehmen darfst und was nicht?" Der Russe war rot vor Zorn. "Und jetzt aufladen, aber schnell! Dawai, dawai!" Familie Schuh hatte keine Zeit mehr, ordentlich zu packen. Nur alles schnell auf den Wagen, nur fort von hier!
Gustav Schaal und Emil hatten die Szene beobachtet.
"Hoffentlich ergeht es uns nicht auch so", flüsterte Gustav seinem Sohn zu. Aber er durfte passieren, ebenso einige Nachfolgende, bis sie wieder einen herausgriffen.
Plötzlich fiel es Gustav wie Schuppen von den Augen. Sein russischer Knecht Krischa hatte kurz vor der Abfahrt am Wagen geschrubbt. Gustav hatte ihn gefragt, was er da mache. Krischas Antwort war: "Er ist schmutzig, ich putze ihn!"
Gustav war es vorgekommen, als entferne er einen Farbklecks.
Alle Wagen, die einer scharfen Kontrolle unterzogen wurden, hatten einen Farbtupfer.
Der Genosse Naslow, der in Teplitz gewesen war, hatte mit seinen Kollegen von der Grenze dieses Zeichen vereinbart. Die Wagen, die ihm verdächtig erschienen waren, hatte er heimlich kennzeichnen lassen.
"Treuer Knecht Krischa!" dachte Gustav dankbar.

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© Gerlinde Göhringer
mit Unterstützung von kuntner.de