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Bessarabienreise 1991

Der Reisebericht meiner beiden Töchter, die 1991 mit ihren Großeltern die ehemalige Heimat besuchten, erschien am 05. März 1992 im Mitteilungsblatt der Bessarabiendeutschen.

Mitteilungsblatt

Auf den Spuren der Großeltern

(Flugreise vom 07. bis 14. September 1991 nach Bessarabien)
Im Flugzeug in Richtung Odessa hatten wir ein Gespräch mit Herrn und Frau Kelm, die sich darüber freuten, jemanden - nämlich uns - von der dritten Generation mit auf ihrer Reise zu haben.
Gleich wurden wir dazu engagiert, einen Bericht für die Heimatzeitung der Bessarabiendeutschen über unsere Reiseerlebnisse zu schreiben.
Deshalb dieser Artikel.
Wir, das sind Elke (19 Jahre) und Helga (16 Jahre) Göhringer, Geschwister und Enkel von Johannes und Else Harter, geb. Schaal aus Teplitz, heute Alfdorf.

Unsere Gruppe

Als wir von dieser Reise in die ehemalige Heimat unserer Großeltern hörten, waren wir sofort begeistert. Denn schon als Kinder interessierten uns ihre Erlebnisse in Bessarabien und wie oft mußten sie der Aufforderung "Noch a Gschichtle, bitte" folgen.
So landeten wir also in Odessa.
Anflug Odessa

Im Hotel merkte man nicht viel von der Armut vor der Tür, man machte es uns so angenehm wie möglich. Unsere Großeltern und wir hatten je ein Doppelzimmer, nebeneinander im elften Stock - ganz oben.
Fernseher, Telefon, eigenes WC und Dusche, sogar ein Kühlschrank - alles war vorhanden - und wir hatten vom Balkon aus einen wunderschönen Ausblick auf die Stacdt mit Ihren eindrucksvollen historischen Bauwerken, aber auch halbzerfallenen Häusern und armseligen Hinterhöfen.
Am nächsten Morgen ging es nach dem reichhaltigen Frühstück - bei jeder Mahlzeit wurde viel zu viel aufgetischt - mit Bussen auf Stadterkundung. Den ersten Halt legten wir bei der deutschen evangelischen Kirche ein, einer Ruine mitten in der Stadt. Sehr beeindruckt und nachdenklich lauschten wir dort der Sonntagsandacht und dem Gesang der Gruppe.
Odessa

Nach dem anschließenden Spaziergang, auf dem wir das Rathaus, die Oper, die Potemkin-Treppe usw. besichtigten, der am nächsten Tag stattfindenden Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und den Stadtspaziergängen auf eigene Faust, wurde es dann am 10. September 1991 endlich wahr: die Fahrt in die Vergangenheit nach Teplitz und Dennewitz.
Nach Fahrt mit dem Bus über Sarata, Arzis kamen wir um die Mittagszeit in Teplitz mit einem Koffer voll Geschenken: Kleidern, Strümpfen usw. an.
Als wir (die Teplitzer Gruppe: Fam. Dreher, Fam. Hedrich, Frau Müller aus Alfdorf und wir vier) mit Sack und Pack vor dem Verwaltunggebäude auf den Bürgermeister von Teplitz warteten, kam eine alte Frau auf uns zu. Sie und unsere Oma fielen sich in die Arme. Wir erfuhren dann, daß es sich bei ihr um eine Russin namens Maria Kowalenko, geb. Dikoff handelte, die schon vor 50 Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern in Tepllitz wohnte, dann zum Dienen nach Siebenbürgen ging, jetzt aber wieder hier in Teplitz ein Haus hat, in dem sie alleine wohnt. Ihr Mann ist gestorben, ihre Kinder leben ihr eigenes Leben. Maria lud uns in perfektem Deutsch dazu ein, unser Gepäck bei ihr abzustellen, dann könnten wir unsere Erkundungen beginnen. Während unserer Zeit in Teplitz nahm sie sich um uns an und führte uns durch den Ort.
Uns gefiel es in dem ehemligen Heimatdorf unserer Großeltern, trotz den vielen heruntergekommenen Häusern, den schlechten hygienischen Bedingungen, dazu später, und der offensichtlichen Armut der Bevölkerung an für uns wichtigen Dingen.
Hier ist die Welt irgendwann stehengeblieben, keine geteerten Straßen, Pferdewagen darauf, kein fließendes Wasser, dafür aber eine uns nicht bekannte Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Bewohner. Gerade das gefiel uns, wie die Gemütlichkeit hier, jeder hat Zeit für einen, keine Hektik oder Hetze.
das Pferd

Obwohl sich das Dorf in den letzten 50 Jahren sehr verändert hat, können wir uns gut vorstellen, wie schön das Leben damals hier war.
Glücklicherweise kan Opa gut Russisch, so daß wir viele Kontakte zur Bevölkerung knüpfen konnten.
Jetzt aber zurück!
Wir befanden uns auf dem Weg zu Marias Haus, als Oma ihr ehemaliges Haus entdeckte. Es war 1933 erbaut worden, Oma war damals 12 Jahre alt, als sie mit ihrer Familie vom Nachbarhaus umzog. Sie hatte oft geschwärmt von dem einst so schönen großen Haus mit den großen Fenstern... Um so mehr traf sie es jetzt: blau gestrichen, die Fenster teilweise zugemauert, eine Seite mit Pfeilern gestützt, ca. 1m Erde aufgefüllt, mit kaputtem Dach und umgeben von Unkraut stand es da! Oma konnte es nicht fassen, sie hatte mit vielem gerechnet, so schlimm hatte sie es sich jedoch nicht vorgestellt.
Omas Haus

Wenigstens steht ihr Haus noch, während es das Haus unseres Großvaters nicht mehr gibt. Auf dem Platz, neben dem Rathaus, steht jetzt ein Tranformatorenhäuschen.
Opas Platz

Nachdem wir unsere Sachen bei Maria verstaut hatten, ging unsere kleine Gruppe ins "Gasthaus", um dort gemeinsam die Lunchpakete zu verspeisen.
Anschließend führte unser Weg mit Maria durchs Untere Gäßle, wo Oma und Opa den Auftrag hatten, einige Häuser von Verwandten zu fotografieren.
Der Kogelnik ist nur noch eine Kloake, in der Gänse und Enten baden. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, daß hier früher das Badevergnügen der Dorfjugend stattfand.
Der Rundgang durchs Dorf führte natürlich auch durch den Kirchengarten und den Friedhof. Dort, wo einmal die Kirche stand, befindet sich nun ein Neubau, der einmal das Clubhaus des Ortes werden soll. Das Clubleben wird hier groß geschrieben, es ist wichtiger als das religiöse Leben. Mit dem Rückzug des Kommunismus, bei dem die Religion "Opium für das Volk" war, wird sich das wohl noch ändern.
Vom Friedhof ist nichts mehr zu sehen. Es liegen nur noch einige verwitterte Grabsteine herum.
Anders als in Odessa gibt es in Teplitz genügend zu Essen durch die Selbstversorgerwirtschaft: Jeder besitzt einen großen Garten mit Obst und Gemüse, wie Kürbisse, Melonen, Birnen... und natürlich einen größeren Weinberg. In jedem Garten, aber auch auf den Straßen laufen Hühner, Enten und in einem Pferch grunzt ein Schwein. Den obligatorischen Hofhund darf man natülich nicht vergessen.
Esel

In Teplitz lernten wir die russische Gastfreundschaft kennen: Der Bürgermeister lud uns zum Essen ein, wir folgten Einladungen von wildfremden Leuten, die nict wußten, was sie uns noch alles anbieten sollten.
Wie schon gesagt, haben wir so eine Herzlichkeit noch nirgendwo anders erlebt. Obwohl die Menschen arm sind, haben sie nichts an Menschlichkeit verloren - oder sind sie gerade deswegen so, unverdorben durch das nichtvorhandene Konsumdenken? Denn bei uns ist das Lewben von Mißtrauen geprägt, ganz anders in Teplitz... so wurden wir zwei z.B. von Marias Nachbarin zum Übernachten eingeladen. Wir nahmen die Einladung an, während unsere Großeltern bei Maria schliefen. Die anderen Teplitzer fuhren am frühen Abend mit dem Bus zurück nach Odessa
Vorher waren wir jedoch im Haus unserer Oma zu Gast. Es dient jetzt der Jugend als Clubhaus. Innen sind alle Wände herausgerissen und es gibt eine Art Bühne. Obwohl keiner die Sprache des Anderen verstand, denn Opa und Oma waren in dieser Zeit beim Bürgermeister, verlebten wir mit einigen jungen Teplitzern lustige Stunden. Wenn man bedenkt, daß unsere Oma hier aufwuchs... und heute.
Vor dem Schlafengehen war an Waschen nicht zu denken, auch auf die Toiletten dort wollten wir nicht gehen, einem Loch in der Erde mit einem Holzverschlag drumherum. Aber wozu gibt es in Teplitz Burjan und Gestrüpp?
Nach einer ruhigen Nacht folgten wir am nächsten Tag um 8.00 Uhr der Einladung zum Frühstück eines Rumänen, der einige Häuser nach Maria wohnt. Wir bekamen dort u.a. eigenen Honig und Wein vorgesetzt. Sogar Kartoffeln mit Fleisch am frühen Morgen. Wie gastfreundlich diese Menschen doch sind! Dafür durfte sich die Familie über mitgebrachte Kleider freuen.
beim Rumänen

Den Tag verbrachten wir mit der Erkundung des Dorfes.
Nach dem Mittagessen, das wir bei Marias Nachbarin einnahmen, mußten wir Teplitz schweren Herzens verlassen. Der Bürgermeister organiserte für uns eine Fahrgelegenheit: Der Fahrlehrer von Teplitz brachte uns zuerst nach Dennewitz und dann zurück nach Odessa.
Nach Umarmungen und einem großen Dankeschön an alle für den wunderbaren Aufenthalt in Teplitz und vielen Adressen im Gepäck mußten wir uns auf den Weg machen, da unser Fahrer an diesem Abend wieder zurück nach Teplitz zu seiner Familie mußte.
Abschied

Da die Mutter unserer Oma, also unsere Urgroßmutter Siona, eine geborene Seitz, aus Dennewitz stammt, ging die Fahrt nun über die Sandpiste, mit einer großen Staubwolke hinter uns, nach Dennewitz. Das Haus, das wir aufsuchen wollten, stand nicht mehr, auch die Mühle und das Magazin, die zu dem einst großen Anwesen gehörten, sind verschwunden. Von den Leuten, die jetzt im zweiten ehemaligen Haus der Familie Seitz, das früher immer an Lehrer vermietet wurde - denn die Schule war direkt daneben - wohnen, wurden wir zum Harbusenessen eingeladen.
Die letzen zwei Tage in Odessa wurden u.a. mit Stadtbummel und einem Opernbesuch ausgefüllt. Am Samstagmorgen hieß es dann Abschiednehmen von der Ukraine.
Was vielleicht noch gesagt werden sollte:
Während der ganzen Reise konnten wir uns frei bewegen, niemand wollte etwas von uns, auch am Zoll wurden wir weder durchleuchtet, noch mußten wir unsere Koffer öffnen. Man nahm alles ziemlich locker, sogar den Flughafen in Odessa durften wir fotografieren, was noch vor kurzer Zeit strengstens verboten war.
Koffer

Wohlbehalten, aber mit wehmütigem Gefühl, weil die schöne Reise schon vorbei war, kamen wir am Stuttgarter Flughafen an.
Geblieben sind einige Geschenke und Andenken, unzählige Dias und am wichtigsten: Wunderschöne Erinnnerungen und der Wunsch, nächsten Sommer wieder nach Bessarabien zu reisen.
Elke Göhringer
Helga Göhringer

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© Gerlinde Göhringer
mit Unterstützung von kuntner.de